Die atopische Dermatitis beim Hund (ADH) betrifft 3 bis 15 % der Hundepopulation. Die Einführung von Atinvicitinib (NUMELVI, Laboratorium MSD), einem selektiven JAK1-Inhibitor der zweiten Generation, der in Europa im Juli 2025 zugelassen wurde, hat die Therapielandschaft dieser Erkrankung verändert. Diese Übersicht beschreibt den aktuellen Wissensstand, vom molekularen Mechanismus bis hin zu den Behandlungsstrategien.
1. Hintergrund und therapeutische Einordnung
1.1 Epidemiologie der atopischen Dermatitis beim Hund
Die atopische Dermatitis beim Hund ist eine chronisch-entzündliche, immunologisch vermittelte Hauterkrankung, deren Prävalenz in der allgemeinen Hundepopulation auf 3 bis 15 % geschätzt wird, wobei die ACVD Task Force anerkannt hat, dass diese Zahlen nicht auf zuverlässigen epidemiologischen Daten beruhen (Hillier 2001). Pruritus macht mehr als 20 % der Vorstellungsgründe in der allgemeinen Tiermedizin aus, und die ADH ist die häufigste identifizierbare Ursache bei Hunden unter drei Jahren (Drechsler 2024). Weltweit prädisponierte Rassen sind der Labrador Retriever, die Englische Bulldogge, der Boxer, der Mops und der West Highland White Terrier, mit signifikanten geografischen Unterschieden in den Prävalenzraten (Hensel 2024). In Ungarn bestätigte eine retrospektive Studie mit 600 atopischen Hunden diese Rassenpräfigurationen mit lokalen Besonderheiten (Tarpataki 2006).
Eine aktuelle chinesische epidemiologische Studie (Dong 2024), die die Inzidenz der ADH in 14 Großstädten modellierte, beleuchtete die entscheidende Rolle klimatischer Faktoren und bestätigte eine starke positive Korrelation mit Sommer-Temperatur und -Luftfeuchtigkeit. Interessanterweise und im Widerspruch zu humanen atopischen Modellen berichtete dieselbe Studie von einer negativen Korrelation zwischen der ADH-Inzidenz und der Konzentration von Luftschadstoffen, was auf komplexe umweltliche und verhaltensbezogene Dynamiken hindeutet (wie ein streng häusliches Leben bei Schadstoffspitzen), die die Allergenexposition bei Heimhunden beeinflussen.
Beim Labrador Retriever zeichnet sich der klinische Phänotyp durch einen erythematösen Pruritus aus, der vorwiegend die Konkavflächen der Ohrmuscheln, die Interdigitalräume und die Bauchseite des Rumpfes betrifft, wobei rezidivierende Pododermatitiden und Otitis externa als Kardinalsymptome der kutanen Barrierefunktionsstörung gelten (Gentry 2025). Die Französische Bulldogge zeigt häufig faziale Manifestationen mit periokularem und perilabialem Erythem, während der Deutsche Schäferhund Läsionen mit axillarer und inguinaler Prädominanz mit stärkeren Sekundärinfektionen entwickelt (Hensel 2024). Im Gegensatz zur Ichthyose beim Golden Retriever, bei der die Mutation des PNPLA1-Gens klar identifiziert wurde, wurde bislang kein großes Suszeptibilitätsgen für die ADH formal charakterisiert.

Die Französische Bulldogge ist für atopische Dermatitis beim Hund prädisponiert
1.2 Pathophysiologie: zentrale Rolle des JAK-STAT-Signalwegs
Die atopische Dermatitis beim Hund resultiert aus drei Mechanismen, die sich gegenseitig verstärken: eine defekte Hautbarriere, die das Eindringen von Allergenen ermöglicht, eine auf Allergie ausgerichtete Immunantwort (Th2-Polarisierung) und eine fortschreitende Sensibilisierung gegenüber Umweltallergenen (Santoro 2015, Drechsler 2024). Die atopische Haut ist sowohl ein Eintrittspunkt als auch ein Verstärker der Entzündung. Angesichts dieser Komplexität empfiehlt die ICADA ein Vorgehen, das die Beseitigung auslösender Faktoren, die Wiederherstellung der Hautbarriere und die pharmakologische Kontrolle des Immunsystems kombiniert (Olivry 2015). Olivry (2019) aktualisierte diesen Algorithmus durch Integration der seitdem neu identifizierten molekularen Zielstrukturen, insbesondere des Janus-Kinase-Signalwegs (JAK) (Olivry 2019).
Viele der für Pruritus und Entzündung bei der ADH verantwortlichen Zytokine übertragen ihr Signal innerhalb der Zelle über diese Enzyme. Die Blockade von JAKs kommt dem Unterbrechen der Entzündungsbotschaft gleich, bevor die Zelle überhaupt reagieren kann. Unter diesen Zytokinen ist IL-31 das direkt prurigene. Es wird von aktivierten Th2-Lymphozyten produziert, bindet an einen spezifischen Rezeptor (IL-31RA/OSMR) auf der Oberfläche kutaner sensorischer Neuronen, aktiviert dadurch JAK1 und JAK2 und löst das Kratzreflexsignal direkt auf neuronaler Ebene aus (Gonzales 2014). TSLP, das von geschädigten Keratinozyten freigesetzt wird, und IL-33 nutzen ebenfalls den JAK1-Weg, um die Entzündung aufrechtzuerhalten und den Pruritus zu verstärken.
Die intrazelluläre Sequenz verläuft folgendermaßen: Das Zytokin bindet an seinen Membranrezeptor, was die Rezeptorkonformation auf der intrazellulären Seite verändert und die assoziierten JAKs durch gegenseitige Phosphorylierung aktiviert. Diese JAKs phosphorylieren wiederum den Rezeptor und schaffen Andockstellen für Proteine namens STAT (Signal Transducers and Activators of Transcription). Die STATs binden an diese Stellen, werden an einem Tyrosinrest phosphoryliert und assoziieren sich dann paarweise, um in den Zellkern zu wandern, wo sie die Transkription von Genen aktivieren, die für pro-inflammatorische Mediatoren, Zellproliferationsfaktoren und prurigene Moleküle kodieren (Gonzales 2014). JAK-Inhibitoren blockieren diese Kaskade bereits bei der enzymatischen Aktivierung, bevor das Signal den Kern erreicht, was ihre schnelle Wirkung auf den Pruritus erklärt.
1.3 Geschichte der JAK-Inhibitoren in der Veterinärmedizin
Oclacitinib (APOQUEL® ND, Zoetis), der erste in der Veterinärmedizin zugelassene JAK-Inhibitor, erhielt seine Zulassung in den USA im Mai 2013 zur Kontrolle des Pruritus im Zusammenhang mit allergischer Dermatitis und zur Kontrolle der atopischen Dermatitis bei Hunden ab 12 Monaten. In isolierten Enzymsystemen inhibiert Oclacitinib JAK1, JAK2, JAK3 und TYK2 mit entsprechenden IC50-Werten von 10, 18, 99 und 84 nM, was einer Selektivität von nur 1,8-fach für JAK1 gegenüber JAK2 entspricht (Gonzales 2014). Diese mäßige Selektivität erfordert ein zweiphasiges Dosierungsschema: 0,4–0,6 mg/kg zweimal täglich für 14 Tage, dann einmal täglich zur Erhaltung, um die Plasmakonzentrationen unterhalb der Hemmschwelle der JAK2-abhängigen Zytokine zu halten, die an der Hämatopoese beteiligt sind (Nederveld 2025). Ilunocitinib (ZENRELIA, Laboratorium Elanco), im September 2024 von der FDA zugelassen, ist ein nicht-selektiver JAK-Inhibitor mit hoher Affinität für JAK1, JAK2 und TYK2, der in einer Dosis von 0,6–0,8 mg/kg einmal täglich verabreicht wird (Patterson 2025). In einer randomisierten klinischen Studie mit 268 atopischen Hunden erreichten 83 % der mit Ilunocitinib behandelten Tiere den therapeutischen Erfolg (Reduktion ≥ 50 % des PVAS- oder CADESI-04-Scores) am Tag 28, verglichen mit 31 % in der Placebogruppe (p < 0,001) (Forster 2025a). Atinvicitinib (NUMELVI, Laboratorium MSD), von der Europäischen Kommission am 24. Juli 2025 zugelassen, stellt den ersten und einzigen JAK-Inhibitor der zweiten Generation in der Veterinärmedizin dar, mit einer Selektivität für JAK1, die mindestens 10-mal höher ist als die der anderen Mitglieder der JAK-Familie (EMA 2025).
1.4 Regulatorische Entwicklung und Zulassungsstatus von Numelvi
Am 12. Juni 2025 gab der Ausschuss für Tierarzneimittel (CVMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) eine positive Stellungnahme zur Erteilung einer Zulassung für NUMELVI ab. Der Antragsteller dieser Zulassung ist Intervet International B.V., eine Tochtergesellschaft von Merck & Co., Inc. (außerhalb der USA und Kanadas als MSD bekannt). Die Europäische Kommission erteilte die Marktzulassung am 24. Juli 2025, mit effektiver Markteinführung in Europa im dritten Quartal 2025. Seit Februar 2026 hat NUMELVI (Atinvicitinib) auch in den USA eine Zulassung für die Kontrolle des mit allergischen Dermatitiden, einschließlich atopischer Dermatitis, verbundenen Pruritus beim Hund erhalten.
2. Darreichungsform und pharmazeutische Daten
2.1 Internationaler Freiname auf dem Beipackzettel und ATCvet-Code
Der internationale Freiname (INN) des Wirkstoffs lautet Atinvicitinib. Der zugewiesene ATCvet-Code lautet QD11AH93, der dieses Arzneimittel in die Kategorie der dermatologischen Mittel zur Behandlung von Dermatitiden, mit Ausnahme von Kortikosteroiden, im Klassifikationssystem für Tierarzneimittel einordnet (EMA 2025). In der Fachinformation sind die Rubriken zu Wartezeiten, wesentlichen Inkompatibilitäten und Umweltschutzmaßnahmen mit „nicht zutreffend” vermerkt.
2.2 Qualitative und quantitative Zusammensetzung
Jede Tablette enthält jeweils 4,8 mg, 7,2 mg, 21,6 mg oder 31,6 mg Atinvicitinib als Wirkstoff. Die Hilfsstoffe umfassen: mikrokristalline Cellulose, Laktose-Monohydrat, Natriumstärkeglykolat (Typ A), Tocofersolan, Hydroxypropylcellulose, wasserfreies kolloidales Siliciumdioxid und Magnesiumstearat (EMA 2025).

Numelvi-Darreichungsformen
2.3 Pharmazeutische Formen und verfügbare Dosierungen (S, M, L, XL)
NUMELVI ist als längliche, weiße bis gebrochene Tabletten mit einer Teilungskerbe auf jeder Seite erhältlich. Vier Dosierungsstärken sind verfügbar: S (4,8 mg), M (7,2 mg), L (21,6 mg) und XL (31,6 mg). Jede Dosierungsstärke ist durch eine alphabetische Markierung (« S », « M », « L » oder « XL ») auf jeder Tablettenhälfte der Oberseite gekennzeichnet. Die Tabletten können entlang der Bruchrille in zwei gleiche Hälften geteilt werden (EMA 2025).
2.4 Handelspackungen und Lagerung
Zwei Arten von Primärverpackungen sind verfügbar: Aluminium/PVC/Polychlortrifluorethylen-Blisterpackungen mit 30 Tabletten pro Streifen (Schachteln mit 1 oder 3 Streifen, d. h. 30 oder 90 Tabletten) und Behältnisse aus Polyethylen hoher Dichte (HDPE) mit 30 oder 90 Tabletten. Nicht alle Packungsgrößen werden notwendigerweise in jedem Mitgliedstaat vermarktet. Die Zulassungsnummern reichen von EU/2/25/351/001 bis EU/2/25/351/016. Dieses Tierarzneimittel bedarf keiner besonderen Lagerungsbedingungen. Jede verbleibende halbe Tablette muss in die geöffnete Blisterpackung oder in das Behältnis zurückgelegt werden (EMA 2025).
2.5 Rechtsstatus und Abgabebedingungen
NUMELVI ist ein verschreibungspflichtiges Tierarzneimittel. Seine Abgabe ist an die Verschreibung eines Tierarztes gebunden (EMA 2025).
3. Molekularer Wirkmechanismus und Pharmakodynamik
3.1 Grundlagen des JAK-STAT-Signalwegs
Der JAK-STAT-Signaltransduktionsweg stellt den wichtigsten Transduktionsmechanismus für mehr als 50 Zytokine und Wachstumsfaktoren dar. Vier Janus-Kinasen (JAK1, JAK2, JAK3, TYK2) und sieben STAT-Proteine (STAT1 bis STAT4, STAT5a, STAT5b, STAT6) orchestrieren diese Kaskade. JAK1 wird von nahezu allen Rezeptoren pro-inflammatorischer Zytokine vom Typ I und Typ II rekrutiert, was es zu einem zentralen Knotenpunkt der immunologischen und pruritogenen Signalgebung macht (Gonzales 2014). JAK2 hingegen wird vorwiegend von den homodimeren Rezeptoren hämatopoetischer Zytokine wie Erythropoetin (EPO) und GM-CSF rekrutiert, wobei JAK2/JAK2-Paare die für die Proliferation von Knochenmarkzellen notwendige Signaltransduktion übernehmen. JAK3, mit eingeschränkter Expression in hämatopoetischen Zellen, assoziiert sich ausschließlich mit der gemeinsamen γc-Kette der Rezeptoren für IL-2, IL-4, IL-7, IL-9, IL-15 und IL-21 und spielt eine Rolle bei der lymphozytären Entwicklung und Homöostase. TYK2 ist an der Signalgebung von Typ-I-Interferonen und IL-12/IL-23 beteiligt, die in die antivirale Abwehr und Th1/Th17-Polarisierung einbezogen sind (Patterson 2025). Die Spezifität der durch jeden Zytokinrezeptor rekrutierten JAK-Paare bestimmt das pharmakologische und toxikologische Profil jedes Inhibitors: ein Molekül, das JAK1 bevorzugt hemmt, wird prurigene und pro-inflammatorische Zytokine anvisieren, während eine nicht-selektive Hemmung, die auch JAK2 umfasst, die Erythropoese (über den EPO/JAK2/JAK2-Rezeptor) und die Granulopoese (über den GM-CSF/JAK2-Rezeptor) beeinträchtigen kann, und eine JAK3-Hemmung die T- und NK-Lymphopoese stören kann. Das Verständnis dieser molekularen Architektur ist die Voraussetzung für die vergleichende Analyse der drei im Jahr 2026 in der Veterinärmedizin verfügbaren JAK-Inhibitoren.
3.2 Mechanismus der kompetitiven und selektiven JAK1-Hemmung
Atinvicitinib wirkt als reversibler kompetitiver Inhibitor der katalytischen Stelle der JAK1-Kinase, indem es sich an die ATP-Bindungsstelle in der JH1-Kinasedomäne bindet. Seine chemische Struktur, die sich vom Pyrrolopyrimidin-Kern des Oclacitinibs unterscheidet, verleiht eine mindestens 10-fach höhere Selektivität für JAK1 gegenüber JAK2, JAK3 und TYK2 (EMA 2025). Diese Selektivität der zweiten Generation ermöglicht eine gezielte Hemmung der JAK1-abhängigen Zytokine, die am Pruritus und der allergischen Entzündung beteiligt sind, während die Funktionen anderer JAKs, die an der Hämatopoese und der Wirtsabwehr beteiligt sind, erhalten bleiben. Im Vergleich dazu weist Oclacitinib eine JAK1/JAK2-Selektivität von nur 1,8-fach in isolierten Enzymsystemen auf (IC50 von 10 nM für JAK1 gegenüber 18 nM für JAK2) (Gonzales 2014), was ein limitierender Faktor für das therapeutische Fenster dieser ersten Generation ist.
3.3 Gezielte Zytokine, die am Pruritus und der Entzündung beteiligt sind (IL-31, IL-4, IL-13, TSLP, IL-33)
Die Hemmung von JAK1 durch Atinvicitinib blockiert die Signaltransduktion mehrerer pathogener Zytokine bei der ADH. IL-31, das wichtigste prurigene Zytokin, das von Th2-Lymphozyten produziert wird, signalisiert über den IL-31RA/OSMR-Komplex, der JAK1/JAK2 rekrutiert; die selektive Hemmung von JAK1 reicht aus, um diese prurigene Kaskade zu unterbrechen, ohne die JAK2-abhängigen Funktionen bei der Zieldosis signifikant zu beeinflussen (EMA 2025). IL-4, ein zentraler Mediator der Th2-Polarisierung und des IgE-Isotypenwechsels, signalisiert über den IL-4Rα/γc-Komplex, der JAK1/JAK3 rekrutiert. IL-13, das an der Becherzellhyperplasie und Barrierefunktionsstörung beteiligt ist, nutzt die JAK1/JAK2/TYK2-Paare. TSLP, ein Kerapinozytäres Alarmin, das als Reaktion auf Barriereschäden und allergene Stimuli freigesetzt wird, aktiviert einen Rezeptor, der JAK1/JAK2 rekrutiert (Wichtowska 2025). All diese zytokinischen Zielstrukturen konvergieren auf den JAK1-Weg und rechtfertigen den Ansatz der selektiven Hemmung für eine multiaxiale Kontrolle der Erkrankung (Gonzales 2014).
3.4 JAK1- versus JAK2-, JAK3-, TYK2-Selektivität: biochemische Daten
Die biochemischen Daten von Intervet International B.V. zeigen, dass Atinvicitinib in isolierten Enzymsystemen eine mindestens zehnfach höhere Selektivität (Faktor ≥ 10) für JAK1 gegenüber jedem der drei anderen Mitglieder der JAK-Familie (JAK2, JAK3, TYK2) aufweist (EMA 2025). Folglich hat Atinvicitinib wenig oder keine Auswirkungen auf Zytokine, die an der Hämatopoese (EPO, GM-CSF, JAK2-abhängig) oder der Wirtsabwehr (IL-12, IL-23, JAK2/TYK2-abhängig) beteiligt sind. Ein Poster, das auf dem 35. Europäischen Kongress für Veterinärdermatologie (ECVD) in Bilbao im September 2025 präsentiert wurde, bestätigte, dass Atinvicitinib sich als ein potenter und hochselektiver JAK1-Inhibitor verhält (MSD Animal Health 2025). Im Gegensatz dazu erfordert Oclacitinib eine Anpassung der Verabreichungshäufigkeit (Wechsel von BID zu SID nach 14 Tagen), um eine verlängerte Hemmung der JAK2-abhängigen Zytokine bei supratherapeutischen Plasmakonzentrationen zu vermeiden (Nederveld 2025).
3.5 Wirkmechanismus auf den Pruritus: Wirkgeschwindigkeit und neurobiologische Grundlagen
Der atopische Pruritus resultiert aus der Stimulation kutaner sensorischer Nervenenden durch prurigene Mediatoren, hauptsächlich IL-31, aber auch IL-4, IL-13 und TSLP, die neuronale Rezeptoren über JAK1-abhängige Wege direkt aktivieren. Die Hemmung von JAK1 durch Atinvicitinib unterbricht diese prurigene Übertragung innerhalb der ersten Stunden nach oraler Verabreichung. Eine Präsentation auf dem ECVD-Kongress 2025 zeigte, dass Atinvicitinib in einem caninen IL-31-Allergiemodell den Pruritus signifikant innerhalb von 2 bis 4 Stunden nach der Verabreichung reduziert (MSD Animal Health 2025). Diese klinisch bereits nach der ersten Dosis wahrnehmbare Wirkgeschwindigkeit beruht auf der raschen Absorption des Moleküls (Tmax ≈ 1 Stunde) und seiner unmittelbaren Hemmung der JAK1-abhängigen Transduktion in sensorischen Neuronen und Keratinozyten (EMA 2025).
3.6 Auswirkungen auf die Regulation der Hautbarriere
Atinvicitinib hat in den präklinischen und klinischen Studien bei der Zieldosis keine immunsuppressiven Effekte hervorgerufen (EMA 2025). Die Verringerung der JAK1-Enzymaktivität-abhängigen allergischen Entzündung führt zu einer Abnahme der mit der Entzündung assoziierten Leukozyten (Eosinophile, Neutrophile, Monozyten), während diese Parameter im Referenzbereich verbleiben, was auf eine Immunmodulation eher als auf eine Immunsuppression hindeutet (Jirjis 2025). Diese Eigenschaft ist mit einer Erhaltung der Hautbarrierefunktion vereinbar, da die Dämpfung der Th2-Entzündungskaskade den durch pro-inflammatorische Zytokine induzierten Abbau der interkorneozyten Lipide und epidermalen Verbindungsproteine vermindert.
4. Pharmakokinetik beim Hund
4.1 Absorption: orale Bioverfügbarkeit, Einfluss der Nahrung
Nach oraler Verabreichung wird Atinvicitinib rasch und gut absorbiert, mit einer mittleren maximalen Plasmakonzentration (Cmax) von 190 ng/mL, die etwa 1 Stunde (Tmax) nach der Verabreichung erreicht wird (EMA 2025). Die absolute Bioverfügbarkeit, bewertet nach einmal täglicher Verabreichung über vier Tage, beträgt ca. 65 %. Die Bioverfügbarkeit ist bei gefütterten Hunden höher, was die Empfehlung rechtfertigt, das Arzneimittel zum oder in der Nähe des Futters zu verabreichen. Diese pharmakokinetische Eigenschaft ist direkt in die Angaben des Beipackzettels integriert: „Das Tierarzneimittel ist einmal täglich zum oder in der Nähe des Futters zu verabreichen” (EMA 2025).
4.2 Verteilung: Verteilungsvolumen, Plasmaproteinbindung
Das apparente Verteilungsvolumen im Fließgleichgewicht beträgt 1651 mL/kg Körpergewicht, was auf eine mäßige bis ausgedehnte Gewebeverteilung hinweist (EMA 2025). Atinvicitinib weist eine mäßige Plasmaproteinbindung auf, mit 82,3 % gebundener Substanz im caninen Plasma bei einer Konzentration von 1802 ng/mL (5 µM). Diese mäßige Bindung, die unter derjenigen vieler entzündungshemmender Mittel liegt, begünstigt den pharmakologisch aktiven freien Anteil an den kutanen und neuronalen Wirkungsorten.
4.3 Hepatischer Metabolismus: beteiligte enzymatische Wege (CYP450)
Atinvicitinib wird beim Hund extensiv metabolisiert und erzeugt mehrere Metaboliten. Der hauptsächliche Clearance-Weg ist der hepatische Metabolismus, wobei die spezifischen Cytochrom-P450-Isoenzyme, die daran beteiligt sind, in der veröffentlichten Fachinformation nicht detailliert beschrieben wurden. Die gesamte Körper-Clearance aus dem Plasma beträgt 1074 mL/h/kg Körpergewicht (17,9 mL/min/kg), was Atinvicitinib in die Kategorie der Moleküle mit hoher hepatischer Clearance einordnet (EMA 2025).
4.4 Elimination: Eliminationshalbwertszeit, Ausscheidungswege
Die terminale Eliminationshalbwertszeit (t1/2) beträgt nach oraler Gabe 2 Stunden, was deutlich kürzer ist als die von Oclacitinib (ca. 4 bis 5 Stunden) (EMA 2025). Die Ausscheidung erfolgt hauptsächlich über den Kot mittels Metaboliten, während die renale Elimination mit urinärer Ausscheidung einen untergeordneten Weg darstellt. Diese kurze Halbwertszeit bedeutet, dass die Plasmakonzentrationen nach jeder Verabreichung schnell unter die Hemmschwellen der Zytokine abfallen, was zu dem günstigen Sicherheitsprofil beitragen könnte, indem die verlängerte Exposition gegenüber hemmenden Konzentrationen begrenzt wird.
4.5 Populationspharmakokinetik: interindividuelle Variabilität nach Gewicht
Die Pharmakokinetik von Atinvicitinib ist linear und die Exposition steigt im getesteten Dosisbereich proportional zur Dosis an. Das Dosierungsschema nach Gewichtsbändern (0,8–1,2 mg/kg) ist darauf ausgelegt, die interindividuelle Variabilität innerhalb jedes Gewichtsbandes abzudecken. In einer 6-monatigen Studie mit bis zu 5-facher maximaler empfohlener Dosis wurde bei einigen Individuen eine leichte Akkumulation beobachtet, mit Erreichen des Fließgleichgewichts nach 7 Wochen (EMA 2025).
4.6 Pharmakokinetik bei besonderen Populationen (Nieren-/Leberinsuffizienz)
Es wurden keine spezifischen pharmakokinetischen Studien bei Hunden mit Nieren- oder Leberinsuffizienz durchgeführt. Die vorwiegend metabolische Eliminationsroute (fäkal) und der untergeordnete Beitrag der renalen Ausscheidung legen jedoch ein begrenztes Akkumulationsrisiko bei mäßiger Niereninsuffizienz nahe. Die Anwendung bei Tieren mit signifikanter Leberinsuffizienz sollte Gegenstand einer individuellen Nutzen-Risiko-Bewertung durch den verantwortlichen Tierarzt sein.
5. Indikationen, Dosierung und Verabreichung
5.1 Offizielle Zulassungsindikation
NUMELVI ist indiziert zur Behandlung des mit allergischer Dermatitis, einschließlich atopischer Dermatitis, verbundenen Pruritus bei Hunden. Es ist auch zur Behandlung der klinischen Manifestationen der atopischen Dermatitis bei Hunden indiziert (EMA 2025). Diese zwei verschiedenen Indikationen umfassen sowohl die symptomatische Kontrolle des Pruritus unabhängig von der allergischen Ätiologie (einschließlich Nahrungsmittelallergie, Flohallergie, Kontaktallergie) als auch die Behandlung der spezifischen Hautläsionen der ADH.
5.2 Empfohlene Dosierung nach Gewichtsbändern
Die empfohlene Dosis beträgt 0,8 bis 1,2 mg Atinvicitinib/kg Körpergewicht, einmal täglich oral zum oder in der Nähe des Futters verabreicht (EMA 2025). Das einmal tägliche Dosierungsschema ab Behandlungsbeginn stellt eine Vereinfachung gegenüber Oclacitinib dar, das eine Induktionsphase mit zweimal täglicher Gabe über 14 Tage erfordert.
5.3 Leitfaden zur Dosiswahl (Gewichts-/Tabletten-Tabelle)
Die Dosiswahl erfolgt nach folgenden Gewichtsbändern: Hunde von 3,0 bis 4,3 kg: ½ Tablette 4,8 mg (d. h. 2,4 mg); Hunde von 4,4 bis 6,0 kg: 1 Tablette 4,8 mg; Hunde von 6,1 bis 9,0 kg: 1 Tablette 7,2 mg; Hunde von 9,1 bis 13,5 kg: ½ Tablette 21,6 mg (d. h. 10,8 mg); Hunde von 13,6 bis 19,3 kg: ½ Tablette 31,6 mg (d. h. 15,8 mg); Hunde von 19,4 bis 26,5 kg: 1 Tablette 21,6 mg; Hunde von 26,6 bis 39,5 kg: 1 Tablette 31,6 mg; Hunde von 39,6 bis 54,0 kg: 1½ Tabletten 31,6 mg; Hunde von 54,1 bis 79,0 kg: 2 Tabletten 31,6 mg. Hunde außerhalb dieser Gewichtsbänder können eine Kombination aus ganzen und/oder halben Tabletten erhalten, um die Zieldosis von 0,8–1,2 mg/kg zu erreichen. Die verfügbaren Dosierungen erlauben keine präzise Dosierung bei Hunden unter 2 kg (EMA 2025).
5.4 Art und Weg der Verabreichung, Umgang mit teilbaren Tabletten
Die Verabreichung erfolgt ausschließlich oral. Die Tabletten sind entlang der Bruchrille teilbar und können in zwei gleiche Hälften geteilt werden. Jede nicht verwendete halbe Tablette muss in die geöffnete Blisterpackung oder in das Behältnis zurückgelegt werden (EMA 2025).
5.5 Behandlungsdauer und klinische Neubewertung
Die Intensität und Dauer der Zeichen allergischer Dermatitis, einschließlich atopischer Dermatitis, sind variabel. Die Notwendigkeit einer Langzeitbehandlung sollte auf einer individuellen Nutzen-Risiko-Bewertung beruhen. Es wird empfohlen, komplizierende Faktoren wie bakterielle, pilzliche oder parasitäre Infektionen (z. B.: Flöhe, Demodex-Milben) sowie die zugrundeliegenden Ursachen (Flohallergie, Kontaktallergie, Nahrungsmittelallergie) zu suchen und zu behandeln (EMA 2025).
5.6 Vorgehensweise bei vergessener Dosis oder Überdosierung
Die Fachinformation gibt kein spezifisches Vorgehen bei vergessener Dosis an. Bei Überdosierung begrenzt die hohe Selektivität für JAK1 das Potenzial für durch andere JAK-Enzyme vermittelte unerwünschte Effekte. Das Tierarzneimittel wurde gut vertragen, wenn es oral an gesunde 6 Monate alte Welpen verabreicht wurde, die mit Überdosen bis zum Fünffachen der maximal empfohlenen Dosis einmal täglich über 6 Monate behandelt wurden. Bei signifikanten Überdosen kann die Behandlung zu einer erhöhten Anfälligkeit für die Entwicklung bakterieller, pilzlicher und/oder parasitärer Hauterkrankungen führen. Bei unerwünschten Wirkungen infolge einer Überdosierung wird eine symptomatische Behandlung empfohlen (EMA 2025).
6. Anwendungshinweise, Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
6.1 Absolute Gegenanzeigen
NUMELVI ist bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der Hilfsstoffe kontraindiziert (EMA 2025).
6.2 Allgemeine Anwendungshinweise
Über die nachstehend beschriebenen Vorsichtsmaßnahmen hinaus wurden keine besonderen Warnhinweise identifiziert (EMA 2025).
6.3 Anwendung bei Welpen, trächtigen oder laktierenden Tieren
Die Sicherheit von NUMELVI wurde nicht bei Hunden unter 6 Monaten oder unter 3 kg Körpergewicht bewertet. Die Anwendung bei Tieren unter diesem Alter oder Gewicht sollte auf einer Nutzen-Risiko-Bewertung beruhen. Dies ist der einzige JAK-Inhibitor, der bei Hunden ab dem Alter von 6 Monaten zugelassen ist, was einen Vorteil gegenüber Oclacitinib (reserviert für Hunde ab 12 Monaten) und Ilunocitinib darstellt (Patterson 2025). Die Anwendung wird während der Trächtigkeit, Laktation oder bei Zuchttieren nicht empfohlen. Laborstudien an Ratten und Kaninchen zeigten Auswirkungen auf die pränatale Entwicklung, die der Klasse der JAK-Inhibitoren inhärent sind. Studien an männlichen Ratten demonstrierten einen Effekt auf die Spermienanzahl und -motilität (EMA 2025).
6.4 Vorsichtsmaßnahmen bei immungeschwächten oder infizierten Tieren
Die Sicherheit des Tierarzneimittels wurde nicht bei Hunden mit Anzeichen von Immunsuppression wie unkontrollierter primärer Hypothyreose oder Rickettsiose bewertet, noch bei Tieren mit progressiver maligner Neoplasie. Die Anwendung in diesen Fällen sollte auf einer Nutzen-Risiko-Bewertung durch den verantwortlichen Tierarzt beruhen (EMA 2025).
6.5 Bekannte oder potenzielle Arzneimittelwechselwirkungen
Es sind keine Arzneimittelwechselwirkungen bekannt. In den Feldstudien wurden keine Wechselwirkungen beobachtet, wenn NUMELVI gleichzeitig mit anderen Tierarzneimitteln wie Antiinfektiva (einschließlich topischer Mittel), Ekto- und Endoparasitiziden (Isoxazoline, Milbemycine, Avermectine, Pyrethroide), Nahrungsergänzungsmitteln, topischen Ohren- und Hautreinigern ohne Glukokortikoide sowie medizinischen Shampoos verabreicht wurde (EMA 2025). Das Fehlen bekannter Arzneimittelwechselwirkungen ist ein praktischer Vorteil für das multimodale Management der ADH.
Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist das Ausbleiben einer Auswirkung auf die Impfimmunantwort. Eine spezielle Studie zeigte, dass eine adäquate serologische Antwort auf attenuierte Lebendimpfstoffe gegen Canines Adenovirus Typ 2 (CAV-2), Canines Staupevirus (CDV), Canines Parvovirus (CPV) und den inaktivierten Tollwutvirusimpfstoff (RV) bei impfnaiven 6 Monate alten Welpen erzielt wurde, die Atinvicitinib in einer Dosis von 3,6 mg/kg/Tag (d. h. dem 3-Fachen der maximal empfohlenen Dosis) über 84 Tage erhielten (EMA 2025). Dieses Poster, auf dem ECVD-Kongress 2025 in Bilbao unter dem Titel „Protective antibody response to core vaccine antigens in dogs treated with high dose atinvicitinib” präsentiert, ist ein gewichtiges Argument für die Verwendung von NUMELVI bei jungen Hunden während der Erstimpfung, wo Oclacitinib bei Tieren unter 12 Monaten kontraindiziert ist und die Daten zu Ilunocitinib unter gleichzeitiger Impfung begrenzter sind.
6.6 Besondere Vorsichtsmaßnahmen für den menschlichen Anwender
Personen, die das Arzneimittel verabreichen, sollten unmittelbar nach der Anwendung die Hände gründlich mit Seife und Wasser waschen (EMA 2025).
6.7 Unerwünschte Wirkungen: Häufigkeit, Art und klinisches Management
Die bei Hunden beobachteten unerwünschten Wirkungen werden als häufig eingestuft, wenn sie bei 1 bis 10 von 100 behandelten Tieren auftreten, und umfassen: Erbrechen, Durchfall, Lethargie und Anorexie (verminderter Appetit). In der klinischen Studie mit 289 allergischen Hunden waren die gemeldeten Nebenwirkungen mild und vorübergehend: Erbrechen (2,1 % Atinvicitinib vs. 1,4 % Placebo), Durchfall (2,1 % vs. 4,9 %), Anorexie (0,7 % vs. 2,1 %) und Lethargie (2,8 % vs. 1,4 %) (Jirjis 2025). Weder Papillome noch Hautmassen wurden in dieser Studie berichtet.
7. Klinische Wirksamkeitsdaten
7.1 Präklinische Studien (in vitro und experimentelle Tiermodelle)
Die pharmakodynamischen In-vitro-Studien bestätigten die Wirksamkeit und hohe Selektivität von Atinvicitinib für JAK1 gegenüber den anderen Mitgliedern der JAK-Familie. Ein auf dem ECVD-Kongress 2025 in Bilbao präsentiertes Poster mit dem Titel „The second-generation Janus kinase inhibitor atinvicitinib is a potent and highly selective inhibitor of JAK1″ beschrieb das biochemische Selektivitätsprofil des Moleküls detailliert (MSD Animal Health 2025). In einem caninen Modell des durch IL-31 induzierten Pruritus zeigte eine Präsentation auf demselben Kongress, dass Atinvicitinib den Pruritus innerhalb von 2 bis 4 Stunden nach oraler Verabreichung signifikant reduziert, was die Korrelation zwischen JAK1-Hemmung und schneller Kontrolle des Kratzverhaltens bestätigt (MSD Animal Health 2025).
7.2 Pivotale Wirksamkeitsstudie — randomisierte, kontrollierte, multizentrische Studie (CADESI, PVAS)
Die auf dem ECVD-Kongress 2025 unter dem Titel „The Second-Generation Janus Kinase 1 Selective Inhibitor Atinvicitinib is a Safe and Effective Once-Daily Treatment For Dogs with Atopic Dermatitis” präsentierte Pivotstudie bewertete die Sicherheit und Wirksamkeit von NUMELVI bei besitzergeführten Hunden, die anhand der Favrot-Kriterien mit ADH diagnostiziert wurden und einen signifikanten Pruritus aufwiesen. Die Tiere wurden randomisiert, um entweder zwei verschiedene Dosierungsschemata von Atinvicitinib oder Placebo über einen definierten Zeitraum zu erhalten. Das primäre Wirksamkeitskriterium basierte auf dem Anteil von Hunden, die eine Reduktion von ≥ 50 % des Pruritus-Scores (vom Besitzer bewerteter PVAS) oder des Schweregrad-Indexes der Hautläsionen erreichten. Die Ergebnisse zeigten, dass 87,5 % der Hunde, die 0,8–1,2 mg Atinvicitinib/kg einmal täglich während der gesamten Studie erhielten, dieses Erfolgskriterium erreichten, verglichen mit nur 23,1 % in der Placebogruppe (MSD Animal Health 2025). Die Behandlung wurde in dieser Studie gut vertragen, ohne behandlungsbedingte unerwünschte Wirkungen. Diese Ansprechrate von 87,5 % unter Atinvicitinib gehört zu den höchsten, die für einen JAK-Inhibitor bei ADH berichtet wurden, obwohl die spezifische Methodik dieser Studie (Einschlusskriterien, Dauer, Bewertungsmodalitäten) vor jedem indirekten Vergleich mit Studien zu anderen Molekülen berücksichtigt werden muss. Das Ausbleiben behandlungsbedingter unerwünschter Wirkungen in der Atinvicitinib-Gruppe stärkt die Hypothese, dass die JAK1-Selektivität der zweiten Generation das Nutzen-Risiko-Verhältnis im Vergleich zu Inhibitoren der ersten Generation verbessert.
7.3 Feldstudie zum allergischen Pruritus — randomisierte, kontrollierte Studie (289 Hunde)
Eine zweite groß angelegte, randomisierte, placebokontrollierte klinische Studie mit 289 besitzergeführten Hunden mit allergischer Dermatitis wurde auf demselben Kongress unter dem Titel „The Second-Generation Janus Kinase 1 Selective Inhibitor Atinvicitinib: A Safe and Effective Once-Daily Treatment for Pruritus in Dogs with Allergic Dermatitis” präsentiert (Jirjis 2025). Diese Feldstudie schloss Hunde mit schwerem Pruritus im Zusammenhang mit allergischer Dermatitis jeglicher Ätiologie ein und bot damit eine für die tägliche klinische Praxis repräsentative Population, einschließlich Fälle von Nahrungsmittelallergie, Flohallergie und atopischer Dermatitis. Einmal täglich in der empfohlenen Dosis von 0,8–1,2 mg/kg verabreicht, wurde NUMELVI gut vertragen mit milden und vorübergehenden Nebenwirkungen. Am Tag 7 wiesen 81,8 ± 3,8 % (Least Squares Mittelwert ± SEM) der mit Atinvicitinib behandelten Hunde eine Reduktion von ≥ 2 cm des PVAS-Scores auf, verglichen mit 46,5 ± 5,3 % in der Placebogruppe (p < 0,0001). Signifikant mehr mit Atinvicitinib behandelte Hunde wiesen an mindestens 5 der ersten 7 Behandlungstage eine 50%ige PVAS-Reduktion auf (p = 0,0109) (Jirjis 2025). Hinsichtlich der hämatologischen Verträglichkeit wurden keine nennenswerten Veränderungen der Erythrozytenparameter noch der klinischen Biochemie beobachtet. Die mittleren Zählwerte für Eosinophile, Neutrophile, Monozyten und Gesamtleukozyten nahmen in der behandelten Gruppe ab, blieben aber innerhalb der physiologischen Grenzen, was die Verringerung der allergischen Entzündung ohne Immunsuppression bestätigt. Die Sicherheitsinformationen zeigten, dass Papillome und Hautmassen, die bei anderen JAKi Bedenken erregen, in dieser Studie nicht berichtet wurden. Die Post-Zulassungs-Pharmakovigilanzdaten werden gemäß den EMA-Anforderungen gesammelt (EMA 2025).
7.4 Studien zur kurzfristigen antipruritischen Wirkung (Tag 1–7)
Die kurzfristige Wirksamkeit von Atinvicitinib auf den Pruritus wurde bereits in den ersten Stunden nach der Verabreichung demonstriert. Das canine IL-31-Allergiemodell zeigte eine signifikante Pruritus-Reduktion 2 bis 4 Stunden nach der ersten Dosis (MSD Animal Health 2025). In der klinischen Studie mit 289 Hunden war der Anteil der Hunde mit einer Reduktion von ≥ 50 % des PVAS in der Atinvicitinib-Gruppe bereits ab Tag 3 der Behandlung signifikant höher als in der Placebogruppe (Jirjis 2025). NUMELVI wird vom Zulassungsinhaber als „klinisch wirksam ab der ersten Dosis” beschrieben.
7.5 Studien zur Langzeitwirksamkeit (3–6 Monate)
Die Pivotstudie zur ADH bewertete die Hunde über die gesamte Protokolldauer, wobei 87,5 % der mit der empfohlenen Dosis behandelten Tiere das Erfolgskriterium (Reduktion von ≥ 50 % des Pruritus oder der Hautläsionen) erreichten (MSD Animal Health 2025). Die über 6 Monate an 6 Monate alten Welpen durchgeführte Hochdosis-Toleranzstudie (bis zum 5-Fachen der maximalen Dosis) zeigte keine limitierende Toxizität und eine gute Langzeitverträglichkeit (EMA 2025). Ergänzende Daten zur Wirksamkeit über 6 Monate hinaus werden in Post-Zulassungs-Publikationen erwartet.
7.6 Daten zur Lebensqualität von Tieren und Besitzern
Eine Studie mit einem 3D-Beschleunigungsmesser zur Fernbewertung von Aktivität und Verhalten bei gesunden und atopischen Hunden wurde auf dem ECVD-Kongress 2025 präsentiert und lieferte objektive Daten zur Auswirkung der Behandlung auf die Lebensqualität (MSD Animal Health 2025). Die Verringerung von Pruritus und Entzündung äußert sich klinisch in einer Verbesserung des Schlafs, einer Verringerung des Kratz- und Leckverhaltens und einer Wiederherstellung der sozialen Interaktion mit dem Besitzer.
8. Sicherheits- und Verträglichkeitsdaten
8.1 Toleranzstudien bei Zieldosis und hohen Dosen (5x, 10x)
Die Mehrdosis-Toleranzstudie wurde an gesunden 6 Monate alten Welpen durchgeführt, die Atinvicitinib in Dosen von bis zum 5-Fachen der maximal empfohlenen Dosis (d. h. bis zu 6,0 mg/kg/Tag) einmal täglich über 6 Monate erhielten. Das Arzneimittel wurde bei diesen hohen Dosen gut vertragen, ohne größere klinisch unerwünschte Wirkungen (EMA 2025). Diese Sicherheitsmarge ist vor dem Hintergrund der kurzen Halbwertszeit von 2 Stunden zu sehen, die die kumulative systemische Exposition trotz hoher Dosen begrenzt.
8.2 Hämatologisches und biochemisches Profil: Längsschnitt-Follow-up
In der klinischen Studie mit 289 Hunden wurden keine nennenswerten Veränderungen oder abnormalen Trends bei Erythrozytenparametern, klinischer Biochemie und Urinanalyse bei mit Atinvicitinib behandelten Hunden beobachtet (Jirjis 2025). Die mittleren Zählwerte für Eosinophile, Neutrophile, Monozyten und Gesamtleukozyten nahmen bei behandelten Hunden ab, blieben aber innerhalb der Referenzintervalle, was auf eine Verringerung der allergischen Entzündung und nicht auf eine Immunsuppression hindeutet. Dieses günstige hämatologische Profil kontrastiert mit den bei längerer Anwendung von Oclacitinib in zweimal täglicher Dosierung notwendigen Vorsichtsmaßnahmen, bei denen die Plasmakonzentrationen die Hemmschwellen der JAK2-abhängigen, an der Hämatopoese beteiligten Zytokine annähern können (Nederveld 2025).
8.3 Auswirkungen auf die Immunüberwachung: Zwischeninfektionen
Bei der empfohlenen Dosis hat Atinvicitinib keine immunsuppressiven Wirkungen hervorgerufen (EMA 2025). Die Raten von Sekundärinfektionen (bakterielle, pilzliche, parasitäre) waren in den behandelten Gruppen im Vergleich zu Placebo in den klinischen Studien nicht signifikant erhöht. Bei signifikanten Überdosen wurde eine erhöhte Anfälligkeit für die Entwicklung bakterieller, pilzlicher und/oder parasitärer Hauterkrankungen als potenzielles Risiko genannt (EMA 2025).
8.4 Onkologische Daten: Signale für neoplastisches Risiko
Die Frage des Neoplasierisikos ist für die gesamte Klasse der JAK-Inhibitoren ein Thema der Wachsamkeit, aufgrund der Rolle des JAK-STAT-Signalwegs in der Tumorsignalgebung und der Anti-Tumor-Immunüberwachung. In der Humanmedizin wurden JAK1/JAK2-Inhibitoren wie Ruxolitinib mit einer erhöhten Inzidenz von Basalzell- und Plattenepithelkarzinomen (17,1 % vs. 2,7 % unter anderen Therapien) in Verbindung gebracht (Marsella 2023). Tofacitinib, ein JAK1/JAK3-Inhibitor, war Gegenstand behördlicher Warnungen bezüglich des thromboembolischen und neoplastischen Risikos bei Patienten mit rheumatoider Arthritis. In der Veterinärmedizin haben retrospektive Analysen der Langzeitanwendung von Oclacitinib bei atopischen Hunden keine signifikante Erhöhung des neoplastischen Risikos bestätigt (Nederveld 2025), obwohl Pharmakovigilanzsignale berichtet wurden (Papillome, Histiozytome).
Obwohl in der anfänglichen 28-tägigen klinischen Studie mit 289 mit Atinvicitinib behandelten Hunden weder Papillome noch Hautmassen berichtet wurden (Jirjis 2025), ist es methodisch zwingend erforderlich hervorzuheben, dass eine so kurze Studie weder die statistische Aussagekraft noch den zeitlichen Rücklauf besitzt, der für die Bewertung des neoplastischen Risikos eines neuen Moleküls erforderlich ist. Jeder direkte Vergleich mit Oclacitinib muss nuanciert werden: Auch wenn dieses Arzneimittel im Laufe seiner 13 Jahre der Vermarktung vereinzelte Meldungen von Papillomen erfahren hat, haben die jüngsten umfangreichen retrospektiven epidemiologischen Studien (Nederveld 2025) formell gezeigt, dass die Gesamtinzidenz von Neoplasien unter Oclacitinib im Vergleich zu anderen systemischen Therapien statistisch nicht signifikant höher ist. Die erhöhte Selektivität von Atinvicitinib für JAK1 bietet eine verlockende mechanistische Sicherheit, aber nur die rigorose Akkumulation von Pharmakovigilanzdaten über mehrere Jahre wird diesen theoretischen onkologischen Vorteil bestätigen können.
Die hohe JAK1-Selektivität (Faktor ≥ 10) sollte theoretisch das Risiko einer Interferenz mit den JAK2/JAK3/TYK2-Wegen, die an der Tumorimmunüberwachung beteiligt sind, verringern, da die von JAK2 abhängigen Wirtsabwehrfunktionen (NK-Zellen, durch IL-12/IL-23 aktivierte Makrophagen) und JAK3 (zytotoxische T-Lymphozyten) erhalten bleiben. Allerdings wird ein längerer Post-Zulassungs-Rücklauf mit systematischem onkologischem Monitoring an Kohorten von mehreren tausend über mehr als 12 Monate behandelten Hunden notwendig sein, um das Fehlen eines onkologischen Signals zu bestätigen und das Langzeitsicherheitsprofil von Atinvicitinib in diesem Punkt dauerhaft zu festigen.
8.5 Vergleichende Verträglichkeit gegenüber anderen JAKi und klassischen Immunsuppressiva
Die erhöhte Selektivität von Atinvicitinib für JAK1 (Faktor ≥ 10 vs. JAK2) im Vergleich zu Oclacitinib (Faktor 1,8 vs. JAK2) bildet die pharmakologische Grundlage für ein erwartetes besseres Verträglichkeitsprofil, insbesondere hinsichtlich der Hämatologie und Immunologie (EMA 2025, Gonzales 2014). Das Fehlen einer zweimal täglichen Induktionsphase (im Gegensatz zu Oclacitinib) und die Möglichkeit der Anwendung ab 6 Monaten (gegenüber 12 Monaten für Oclacitinib) stärken das differenzielle Sicherheitsprofil.
9. Positionierung gegenüber anderen JAKi: Atinvicitinib / Oclacitinib / Ilunocitinib
9.1 Vergleich der JAK-Selektivitätsprofile (IC50 und relative Selektivität)
Oclacitinib weist enzymatische IC50-Werte von 10, 18, 99 und 84 nM für JAK1, JAK2, JAK3 bzw. TYK2 auf, was einer JAK1/JAK2-Selektivität von 1,8-fach entspricht (Gonzales 2014). Ilunocitinib besitzt eine hohe Affinität für JAK1, JAK2 und TYK2 und wird als nicht-selektiver Inhibitor eingestuft (Patterson 2025). Atinvicitinib zeigt eine mindestens zehnfach höhere Selektivität (Faktor ≥ 10) für JAK1 gegenüber jedem der drei anderen Mitglieder der JAK-Familie (EMA 2025). Diese Abstufung der Selektivität — Ilunocitinib < Oclacitinib < Atinvicitinib — positioniert Atinvicitinib als den selektivsten der derzeit in der Veterinärdermatologie verfügbaren JAK-Inhibitoren.
9.2 Pharmakokinetischer Vergleich: Wirkungseintritt, Halbwertszeit, Verabreichungshäufigkeit
Atinvicitinib weist einen Tmax von 1 Stunde und eine Halbwertszeit von 2 Stunden auf, Oclacitinib einen Tmax von ca. 1 Stunde und eine Halbwertszeit von 4 bis 5 Stunden, und Ilunocitinib eine Halbwertszeit von ca. 4 Stunden. Alle drei Moleküle ermöglichen einen schnellen antipruritischen Effekt in den ersten Stunden. Die Verabreichungshäufigkeit beträgt für Atinvicitinib und Ilunocitinib eine tägliche Gabe, gegenüber zwei täglichen Gaben für 14 Tage, dann einer täglichen Gabe für Oclacitinib (EMA 2025, Patterson 2025).
9.3 Wirksamkeitsvergleich: CADESI-04, PVAS-Scores, indirekte Metaanalyse
In Ermangelung einer veröffentlichten direkten Vergleichsstudie (Head-to-Head) zwischen Atinvicitinib und den beiden anderen JAKi ist nur ein indirekter Vergleich möglich. Atinvicitinib in einer Dosis von 0,8–1,2 mg/kg/Tag zeigte eine Rate von ≥ 50 % Pruritus- oder Läsionsreduktion bei 87,5 % der atopischen Hunde gegenüber 23,1 % unter Placebo (MSD Animal Health 2025). Ilunocitinib in einer Dosis von 0,6–0,8 mg/kg/Tag zeigte eine therapeutische Erfolgsrate von 83 % an Tag 28 gegenüber 31 % unter Placebo (Forster 2025). Für Oclacitinib berichteten die historischen Daten der australischen Pivotstudie von einer vergleichbaren Wirksamkeit wie Prednisolon bei der Kontrolle von Pruritus und klinischen Zeichen der allergischen Dermatitis bei Hunden in der Privatpraxis (Cosgrove 2013). Diese indirekten Vergleiche müssen aufgrund von Unterschieden im Design, in den Einschlusskriterien und in der Studiendauer mit Vorsicht interpretiert werden.
9.4 Vergleich des Verträglichkeitsprofils und unerwünschter Wirkungen
Die häufigsten unerwünschten Wirkungen sind für alle drei JAKi ähnlich: Erbrechen, Durchfall, Anorexie und Lethargie. Allerdings bietet Atinvicitinib den theoretischen Vorteil einer geringeren Interferenz mit JAK2-abhängigen Zytokinen, die an der Hämatopoese beteiligt sind, aufgrund seiner zehnfach erhöhten Selektivität. Das Ausbleiben von Papillomen und Hautmassen in der Studie mit 289 mit Atinvicitinib behandelten Hunden (Jirjis 2025) kontrastiert mit den historischen Pharmakovigilanzsignalen, die für Oclacitinib berichtet wurden, obwohl langfristige retrospektive Analysen keine signifikante Erhöhung des neoplastischen Risikos unter Oclacitinib bestätigt haben (Nederveld 2025).
9.5 Spezifische Vorteile von Atinvicitinib gegenüber Oclacitinib
Atinvicitinib unterscheidet sich von Oclacitinib durch: eine mindestens 5-fach höhere JAK1/JAK2-Selektivität (Faktor ≥ 10 vs. 1,8), ein vereinfachtes Dosierungsschema mit einer täglichen Gabe ab dem ersten Tag (vs. BID für 14 Tage, dann SID), die Möglichkeit der Anwendung ab 6 Monaten (vs. 12 Monate), das nachgewiesene Ausbleiben einer Auswirkung auf die Impfimmunantwort bis zum 3-Fachen der maximalen Dosis und das Fehlen bekannter Arzneimittelwechselwirkungen (EMA 2025).
9.6 Spezifische Vorteile von Atinvicitinib gegenüber Ilunocitinib
Im Vergleich zu Ilunocitinib bietet Atinvicitinib eine deutlich höhere JAK1-Selektivität (Faktor ≥ 10 vs. nicht-selektives JAK1/JAK2/TYK2-Profil von Ilunocitinib), eine kürzere Halbwertszeit (2 Std. vs. ca. 4 Std.) und eine Zulassung für die Anwendung ab 6 Monaten. Die erhöhte Selektivität sollte sich theoretisch in einer geringeren Auswirkung auf Hämatopoese und Immunüberwachung langfristig niederschlagen (EMA 2025, Patterson 2025).
9.7 Vor- und Nachteile gegenüber anderen Behandlungen beim atopischen Hund: Kortikoid, Ciclosporin und Lokivetmab
Systemische Kortikosteroide (Prednisolon, 0,5–1 mg/kg/Tag oral in der Anfangsphase; Methylprednisolon, 0,4–0,8 mg/kg/Tag) bieten eine schnelle Pruritus-Kontrolle in mehr als 80 % der Fälle, gehen aber mit gut dokumentierten dosis- und dauerabhängigen Nebenwirkungen einher: Polyurie-Polydipsie (in 50 bis 85 % der Fälle je nach Studie), Polyphagie, Hautatrophie, kutane Kalzinose, erhöhtes Infektionsrisiko (sekundäre Pyodermie, Demodikose, Dermatophytose), Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse und iatrogenes Diabetes-mellitus-Risiko bei Langzeitanwendung. Atinvicitinib vermeidet mit seiner selektiven Ausrichtung auf den JAK1-Weg diese pleiotropen Glukokortikoidseffekte und bietet dabei eine ähnlich schnelle Pruritus-Kontrolle. Daher behalten systemische Kortikosteroide ihren Platz bei akuten Schüben, die eine breite und schnelle entzündungshemmende Wirkung erfordern, aber Atinvicitinib stellt eine erstrangige Alternative für die Langzeitbehandlung dar.
Ciclosporin, ein oral in einer Dosis von 5 mg/kg/Tag verabreichter Calcineurin-Inhibitor, wirkt auf die T-Lymphozyten-Aktivierung über die Hemmung des NFAT-Weges, mit nachgewiesener Wirksamkeit bei ADH (ca. 50%ige Reduktion des CADESI-03 nach 4 bis 6 Wochen Behandlung in den Pivotstudien). Allerdings weist es eine längere Wirklatenz auf (4 bis 6 Wochen für die maximale Wirkung), häufige gastrointestinale Nebenwirkungen zu Beginn der Behandlung (Erbrechen bei 25 bis 30 % der Fälle), und es erfordert eine Überwachung der Nieren- und Leberparameter. Atinvicitinib bietet eine Pruritus-Kontrolle bereits in den ersten Stunden nach der ersten Dosis, ein wesentlicher zeitlicher Vorteil in der klinischen Praxis.
Lokivetmab (CYTOPOINT, Laboratorium Zoetis), ein subkutan injizierbarer monoklonaler Anti-IL-31-Antikörper, neutralisiert spezifisch IL-31 mit ausgezeichneter Verträglichkeit und einem Sicherheitsprofil vergleichbar mit Placebo in klinischen Studien. Sein Vorteil liegt in der perfekten Compliance (einmalige Injektion in der Klinik) und dem Fehlen systemischer Immunsuppression. Lokivetmab unterscheidet sich von JAK-Inhibitoren, indem es das Zytokin direkt im systemischen Kreislauf neutralisiert, bevor es sich an den Rezeptor bindet, anstatt die intrazelluläre Transduktion zu hemmen. Obwohl Atinvicitinib eine multiaxiale Hemmung bietet, die gleichzeitig die Signalgebung mehrerer Zytokine (IL-31, IL-4, IL-13, TSLP) blockiert, was besonders für Phänotypen mit schwerer kutaner entzündlicher Komponente relevant ist, behält Lokivetmab einen entscheidenden Vorteil hinsichtlich Compliance (einmalige Injektion) und absoluter Unbedenklichkeit (kein hepatischer Metabolismus und keine systemische Immunsuppression). Daher sind diese beiden Ansätze nicht strikt hierarchisch, sondern fügen sich in ein therapeutisches Kontinuum ein, bei dem die Merkmale des Patienten (Alter, hepatische Komorbiditäten, Läsionsphänotyp) die Erstlinienentscheidung bestimmen. Bei Hunden, deren klinischer Phänotyp eine ausgeprägte kutane entzündliche Komponente aufweist (diffuses Erythem, Lichenifikation, papulokrustöse Läsionen), kann die multiaxiale Hemmung von Atinvicitinib geeigneter sein als die monozytokine Neutralisation durch Lokivetmab. Die Kombination Lokivetmab + Atinvicitinib wurde in kontrollierten Studien nicht bewertet, aber das Fehlen bekannter Arzneimittelwechselwirkungen für Atinvicitinib lässt diese Möglichkeit in refraktären Fällen unter Vorbehalt einer individuellen klinischen Bewertung in Betracht kommen.
10. Perspektiven und praktische Schlussfolgerungen
10.1 Stellung von Numelvi in der globalen Therapiestrategie der ADH
Die Einführung von Atinvicitinib bereichert das verfügbare therapeutische Arsenal für das Management der ADH. Als zugelassenes Erstlinien-Therapiemittel, das ab 6 Monaten in einer täglichen Gabe ohne Induktionsphase anwendbar ist, positioniert sich NUMELVI als bevorzugte Option für die schnelle Kontrolle von Pruritus und Hautläsionen der atopischen Dermatitis und allergischer Dermatitiden im weiteren Sinne. Die JAK1-Selektivität der zweiten Generation ist ein pharmakologisches Argument für ein besseres Langzeitsicherheitsprofil, obwohl die Post-Zulassungs-Pharmakovigilanzdaten diesen theoretischen Vorteil bestätigen müssen. Tierärzten stehen nun drei orale JAK-Inhibitoren, ein monoklonaler Anti-IL-31-Antikörper und konventionelle Optionen (Kortikosteroide, Ciclosporin, Allergen-Immuntherapie) zur Verfügung, was eine therapeutische Personalisierung nach klinischem Phänotyp, Alter des Tieres, Komorbiditätsbedingungen und individueller Therapieantwort ermöglicht.
10.2 Mögliche Therapiekombinationen (Allergen-Immuntherapie, topische Behandlung)
Das Fehlen bekannter Arzneimittelwechselwirkungen eröffnet den Weg zu multimodalen Strategien, die Atinvicitinib mit der spezifischen Allergen-Immuntherapie (ASIT), emollierenden und ceramidhaltigen Topika zur Wiederherstellung der Hautbarriere, antiseptischen Shampoos zur Kontrolle von Staphylokokken- und Hefepilz-Sekundärinfektionen sowie Ektoparasitiziden zur Eliminierung von Flöhen und Demodex-Milben als auslösende oder verschlimmernde Faktoren verbinden. Die Demonstration des fehlenden Einflusses auf die Impfantwort, sogar bei 3-facher maximaler Dosis bei impfnaiven 6 Monate alten Welpen (EMA 2025), erlaubt eine gleichzeitige Impfung ohne Notwendigkeit eines therapeutischen Fensters.
10.3 Noch offene Fragen und laufende Forschungen zu diesem neuen Tierarzneimittel
Mehrere Fragen bleiben offen und stellen vorrangige Forschungsgebiete dar.
Der direkte Wirksamkeitsvergleich (Head-to-Head-Studien) zwischen Atinvicitinib, Oclacitinib und Ilunocitinib in homogenen caninen Populationen stellt den dringendsten Bedarf dar, um therapeutische Entscheidungen in der Praxis zu leiten. Der Übersichtsartikel von Noli (Noli 2025) betont, dass Unterschiede in der Kinase-Selektivität und im pharmakokinetischen Profil zwischen JAKi zu differenziellen klinischen Vorteilen je nach Erkrankungsphänotyp führen könnten, aber nur direkte Vergleichsstudien werden dies bestätigen können (Noli 2025). Das sehr langfristige Sicherheitsprofil (> 12 Monate) unter realen Anwendungsbedingungen, mit longitudinalem hämatologischem Monitoring (vierteljährliches Blutbild), immunologischem Follow-up (Immunglobulinwerte, Auffrischimpfungsantworten) und systematischem onkologischem Monitoring (Inzidenz von Papillomen, Histiozytomen, Lymphomen und anderen Tumoren) wird entscheidend sein, um Atinvicitinib dauerhaft in der Hierarchie der therapeutischen Optionen zu positionieren.
Die Auswirkung von Atinvicitinib auf das kutane Mikrobiom und die Kolonisierung durch *Staphylococcus pseudintermedius*, ein häufiger Komplikationsfaktor bei ADH, verdient eine spezifische Untersuchung, da die Verringerung der JAK1-abhängigen Entzündung die kutane mikro-ökologische Umgebung verändern könnte. Das potenzielle Interesse von Atinvicitinib bei anderen caninen Immunodermatosen (Pemphigus foliaceus, kutaner Lupus, Vaskulitis) und bei anderen Tierarten (feline atopische Dermatitis, für die derzeit kein JAKi zugelassen ist) stellt ein vielversprechendes Forschungsfeld dar. Die vollständige Charakterisierung der am Metabolismus von Atinvicitinib beteiligten CYP450-Wege würde es ermöglichen, potenzielle Wechselwirkungen mit Azol-Antimykotika oder anderen CYP-Substraten vorauszusagen. Die Bewertung prädiktiver Biomarker für das therapeutische Ansprechen — serumzytokinisches Profil (IL-31/IL-10-Verhältnis), kutane Genexpression (Th2-Transkriptionssignatur), Barriere-Dysfunktions-Score (Messung des transepidermalen Wasserverlusts, TEWL) — stellt ebenfalls eine Entwicklungsachse für die Präzisionsmedizin in der Veterinärdermatologie dar.
10.4 Praktische Empfehlungen in der Veterinärdermatologie
Die Verschreibung von NUMELVI fügt sich in einen strukturierten diagnostischen Ansatz ein: die Identifizierung und Behandlung auslösender und aggravierender Faktoren (Flöhe, Demodex, bakterielle und pilzliche Infektionen, Nahrungsmittelallergie, Kontaktallergie) bleibt eine unverzichtbare Voraussetzung oder Ergänzung zu jeder immunmodulierenden Therapie. Eine mindestens 8-wöchige Ausschlussdiät sollte angeboten werden, um eine Nahrungsmittelallergiekomponente auszuschließen oder zu bestätigen, bevor eine Langzeitbehandlung eingeleitet wird. Eine strikte Schmarotzerkontrolle (regelmäßige Ektoparasitizidbehandlung gegen Flöhe und Zecken, kutane Schabsel zum Ausschluss einer Demodikose durch Demodex canis oder *Demodex injai*) ist zwingend erforderlich, da eine gleichzeitige Flohallergie häufig vorkommt.
Das klinische Follow-up sollte eine regelmäßige Neubewertung des Pruritus-Scores (PVAS) und der Hautläsionen (CADESI-04), ein periodisches hämatologisches und biochemisches Profil sowie eine Überwachung auf Zeichen von Zwischeninfektionen (oberflächliche Pyodermie, Otitis durch Malassezia pachydermatis, Dermatophytose) umfassen. Die Aktualisierung des Wissens über verfügbare therapeutische Optionen und die Integration der Post-Zulassungs-Pharmakovigilanzdaten in die tägliche Praxis sind professionelle Verantwortlichkeiten des Dermatologen und des Allgemeinpraktikers.
Die Kommunikation mit dem Besitzer muss den chronischen Charakter der ADH, die Notwendigkeit einer Langzeitbehandlung in der Mehrzahl der Fälle und die Wichtigkeit der therapeutischen Compliance betonen. Die Dosiervereinfachung durch NUMELVI (eine tägliche Gabe, ohne Induktionsphase) ist ein Vorteil für die Compliance, ein entscheidender Faktor für den langfristigen therapeutischen Erfolg. Die Langzeitbehandlungsentscheidung beruht auf einer individuellen und kontinuierlichen Bewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses unter Berücksichtigung des klinischen Ansprechens, der Verträglichkeit, des Alters des Tieres, der Komorbiditäten und der Erwartungen des Besitzers.
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